Aristoteles
Nikomachische Ethik IX. ix. 1170b 14-17
Martin Heidegger
Sein und Zeit S. 175
Martin Heidegger
Parmenides Gesamtausgabe Bd. 54 S. 66
Diese beiden Stellen sagen vermutlich etwas Wahres über das Wesen der Bindung unter männlich Seienden aus, sofern Hegels Philosophie die Wahrheit des Menschenwesens als Selbstbewußtsein denkt. Nach Hegel situiert sich die Freundschaft ausschließlich im gemeinsamen Bande; es gebe nichts darüber hinaus: auch keine Männerfreundschaft, die auf persönlicher Zuneigung als solcher beruhte. Die gemeinsame Sache, die Männer miteinander verbinden kann, knüpft sich an ein gemeinsames Werk, das auch auf dieses Moment der Gemeinsamkeit angewiesen ist; das gemeinsame Werk - ein ständig Seiendes, das in seine Grenzen zum Stehen kommen soll - bedarf der Kooperation einiger oder vieler männlich Seienden, um verwirklicht zu werden, keiner kann es allein, auch wenn die individuelle Arbeit des Einzelnen-für-sich am Werk keineswegs wegfällt. Einsame und gemeinsame Tätigkeit verschränken sich in der Vollbringung eines gemeinsamen Projekts, das aber im Entwurf jedes Einzelnen mitentworfen ist. Dies ist eine Freundschaft der Nützlichkeit, wie sie schon Aristoteles in seiner Nikomachischen Ethik thematisierte. Oder es ist das Selbe wie die erotische Verbundenheit der philosophierenden Männer im Streben nach der Idee. Hegel hat insofern einen prosaischen Blick auf die Freundschaft wie auch einen Platonischen. Zusammen wird das gemeinsame Werk zustande gebracht und in der Lichtung aufgestellt, womöglich in der Weise eines wissenschaftlichen Gelehrtenstreits, da das Wesen der Wahrheit das Gegeneinander der wahrheitbeanspruchenden Aussagen, Urteile, Theorien usw. keineswegs aus-, sondern einschließt. Die Werstandskräfte kommen nur vereint ans vorgenommene Ziel, das allerdings noch gegen die Anderen errungen werden muß, sei es ein ökonomisches Ziel, sei es ein wissenschaftliches oder künstlerisches oder etwas anderes. Die Gegnerschaft unter den Werseienden reproduziert sich lediglich auf erweiterter Stufenleiter, wo es um die Verwirklichung gemeinsamer Werke geht. Die sachliche Verbundenheit ist ein Band, das die Verbundenen gegen die Anderen vereint; die persönliche Zuneigung erhält dabei nur den Rang eines untergeordneten Moments, das nicht so stark werden darf, daß es das Band dominieren oder gar sprengen könnte. Erst der gemeinsame Kampf schweißt die Verbundenen als Verbündete in gemeinsame 'Blutsbande', einen Arbeitsbund oder dergl. zusammen. Die Anderen als Gegner gibt es immer, und sei es, daß - und wohl besonders dann, wenn - die Verbündeten sich auf die allgemeine Menschenliebe einschwören. Selbst unter den sachlich Verbündeten bedeutet die gemeinsame Sache keineswegs, daß die Gegnerschaft aufgehoben worden ist, denn: "Unter der Maske des Füreinander spielt ein Gegeneinander." Der Bund schließt keineswegs Rivalitäten aus. Heidegger läßt hier seine Erfahrungen im Mansein so zu Wort kommen, daß die Auslegung des Werseins als Agonistik Bestätigung findet. Er denkt indes an anderen Stellen auch eine Eigentlichkeit. Ist in der Eigentlichkeit zumindest nicht die Möglichkeit eines uneingeschränkten Füreinanders gegeben, auch wenn außerhalb des Bandes die Agonistik noch wütet und vorherrscht? Haben Eigentlichkeit und Freundschaft miteinander etwas zu schaffen? Diese Fragen werden im nächsten, der Freundschaft gewidmeten Kapitel aufgenommen.
Die gemeinsame Sache, die männlich Seiende miteinander verbindet, begründet anscheinend dadurch eine Notgemeinschaft, daß die männlich Seienden aufeinander angewiesen sind, um ihr gemeinsames Ziel zu erreichen. Diese Überlegung ist gewiß eine Trivialität. Wir fragen deshalb weiter nach dem Charakter des Werkes, das nur gemeinsam vollbracht werden kann. Das Werk ist ein Hervorgebrachtes, das Ergebnis eines Hervorbringens, das ein Seiendes in die Unverborgenheit hineinführt und aufstellt. Das Hervorbringen, die poiesis verwirklicht die männliche Wahrheit, d.h. den Stand als Wer in der Lichtung, in einer Konkurrenz der Werseienden. Das Hervorgebrachte läßt sich nur in die Unverborgenheit stellen, wenn zugleich und in eins damit die Hervorbringer sich gegen die Anderen durchsetzen. Den Kampf um die Wahrheit eines Hervorgebrachten gibt es nur als Wer-Agonistik, in der die Werseienden sich gegenseitig zeigen, was sie können und sich damit vertikal gegenseitig überbieten. Das Ins-Werk-setzen der Wahrheit, das in der kreativen Tätigkeit vollzogen wird, ist auch ein Streit unter den Werseienden und nicht nur ein Streit zwischen Welt und Erde, wie Heidegger ihn entwirft. Das Wesentliche an der sachlichen Verbundenheit ist, daß die Werseienden auf ein Seiendes gerichtet sind, und ihre eigene Ständigkeit aus dem könnend-wissenden In-Grenzen-schlagen eines Ständigen beziehen.